Auszug aus POESIE DES TODES von JT Ellison
1. KAPITEL
"Nein. Bitte nicht." Sie flüsterte die Worte, ein göttliches Gebet. "Nein. Bitte nicht." Da waren sie wieder, Blasen auf ihren Lippen, die Wörter schlüpften heraus, als wenn sie von ihrer Zunge abrutschten.
Sogar im Angesicht des Todes war Jessica Ann Porter unfehlbar höflich. Sie kämpfte nicht, sie weinte nicht, sie bat nur mit diesen leuchtenden, schokoladenbraunen Augen; war so begierig, zu Willen zu sein, wie ein kleiner Welpe. Er versuchte, den Gedanken abzuschütteln. Er hatte mal einen Welpen gehabt. Der hatte seine Hand geleckt und war freudig über seine Füße gestolpert; hatte ihn angebettelt, mit ihm zu spielen. Es war nicht sein Fehler gewesen, dass die Knochen so zerbrechlich waren. Was konnte er denn dafür, dass er wie ein ganz normaler Junge mit seinem Hund hatte toben wollen und sich ein Knochenstück aus den Rippen in das Herz des kleinen Wesens gebohrt hatte. Das Licht in den Augen war kurz aufgeleuchtet und dann erloschen, als der Welpe auf dem Rasen im Garten sein Leben ausgehaucht hatte. Das gleiche Licht, das aus den zimtenen Tiefen von Jessicas Augen strahlte und in diesem Augenblick erstarb.
Ungerührt bemerkte er die Anzeichen des Todes. Blaue Lippen, zyanotisch. Das Unterbluten der Lederhaut im Auge, wie purpurfarbene Nadelstiche. Der Körper schien auf der Stelle auszukühlen, auch wenn er wusste, dass es stets einige Zeit dauerte, bis die Wärme sich komplett abgebaut hatte. Die temperamentvolle und dennoch schüchterne Achtzehnjährige war jetzt nicht mehr als ein Stück Fleisch, würde bald schon wieder der Erde übergeben. Asche zu Asche, Staub zu Staub. Schmeißfliege zu Made. Der Lebenszyklus wieder einmal komplett.
Er schüttelte die Träumerei ab. Es war Zeit, sich an die Arbeit zu machen. Er schaute sich um und erspähte seine Werkzeugkiste. Er konnte sich nicht daran erinnern, sie umgestoßen zu haben, aber vielleicht trog ihn seine Erinnerung. Hatte das Mädchen sich doch gewehrt? Er glaubte nicht, aber die Verwirrung setzt immer in den wichtigsten Augenblicken ein. Darüber würde er später nachdenken müssen, wenn er dem Gedanken seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit widmen konnte. Im Moment gab es für ihn nur die Erinnerung an das strahlende Glänzen ihrer Augen, als sie die Schwelle übertreten hatte. Er umfasste den Griff des Fuchsschwanzes und hob ihre schlaffe Hand.
Nein, bitte nicht. Drei kleine Wörter, harmlos in ihrer Definition. Keine großen Allegorien, keine ethischen Dilemmas. Nein, bitte nicht. Die Wörter hallten durch seinen Kopf während er sägte, ihr Rhythmus stachelt seinen an. Nein, bitte nicht. Nein, bitte nicht. Hin und her, hin und her.
Nein, bitte nicht. Höre diese Worte und träume von der Hölle.
2. KAPITEL
Nashville hielt kollektiv den Atem an in dieser warmen Sommernacht. Nachdem die Hinrichtung vier Mal aufgeschoben worden war, hatten die Totenwachen wieder begonnen. Lieutenant Taylor Jackson von der Mordkommission schaute kurz hin, als bekannt gegeben wurde, dass der Gouverneur keinen weiteren Aufschub bewilligen würde, dann schaltete sie den Fernseher aus und trat ans Fenster ihres kleinen Büros im Criminal Justice Center. Die Skyline von Nashville erstreckte sich vor ihr in all ihrem Glanz, der Nachthimmel wurde immer wieder von grellen Farbblitzen erleuchtet. Das ausgefeilte Feuerwerk war eines der größten des Landes. Es war der vierte Juli, der ur-amerikanische Feiertag. Massen von Leuten hatten sich im Riverfront Park versammelt, um das vom Nashville Symphonieorchester begleitete Spektakel am Himmel zu genießen. Man näherte sich dem Ende. Taylor hörte die Melodie von Tschaikowskis Ouvertüre 1812, ausgerechnet ein russisches Musikstück zur Feier von Amerikas Unabhängigkeit. Jeder perfekt mit den Raketen koordinierte Paukenschlag ließ sie leicht zusammenzucken.
Die Feierlichkeiten deprimierten sie. Die ganzen Feiertage deprimierten sie. Als Kind war sie verrückt nach dem Feuerwerk gewesen, nach dem unbeschwerten Zuckerwattespaß von Jugend und sinnloser Feierei. Als sie älter wurde, betrauerte sie den Verlust dieses Kindes in ihr, versuchte verzweifelt, tief in sich diese Unschuld wiederzufinden. Aber ohne Erfolg.
Der Himmel war jetzt dunkel. Sie konnte die Menschenmassen zu den Parkplätzen strömen sehen. Kinder hüpften zwischen müden Eltern auf und ab, ihre fluoreszierenden Armbänder und Leuchtstäbe blitzten in der Nacht. Die Erwachsenen würden diese Unschuldigen freudig nach Hause ins Bett begleiten, getröstet von dem Wissen, dass sie die Bedürfnisse ihrer Kleinen zumindest für den Moment befriedigt hatten. Taylor würde nicht so glücklich sein. Jede Minute könnte das Telefon klingeln und sie zur Pflicht rufen. Die Chancen standen gut, dass sich irgendwo in der Stadt ein Heckenschütze in der Nacht versteckte. Feuerwerke waren die perfekte Tarnung für Schüsse. Das war zumindest das, was sie sich selbst erzählte, aber es gab noch einen anderen Grund, warum sie an diesem Feiertag im Büro geblieben war. Ihre Stadt zu beschützen war ein mentaler Trick. Sie wartete.
Eine Erinnerung tauchte auf, ungefragt, ungewollt. So banal es auch war, traf die Aussage sie mitten ins Herz. "Als ich ein Kind war, sprach ich wie ein Kind, ich verstand wie ein Kind; aber als ich ein Mann wurde, packte ich die kindischen Dinge beiseite." Oder eben als ich eine Frau wurde. Die Zeit der Unschuld lag inzwischen weit hinter ihr.
Einen letzten Blick auf die schneller hereinbrechende Nacht werfend, schloss sie die Jalousien und ließ sich schwer auf ihren Stuhl sinken. Seufzte. Fuhr sich mit den Fingern durch ihr langes blondes Haar. Fragte sich, warum sie in der Mordkommission herumhing, wenn sie sich doch irgendwo amüsieren könnte. Warum sie sich dem Job immer noch verpflichtet fühlte. Sie legte ihren Kopf auf den Tisch und wartete darauf, dass das Telefon klingelte. Stand wieder auf und schaltete den Fernseher ein.
Eine pulsierende Menschenmenge hatte sich vor dem Hochsicherheitsgefängnis in Riverbend versammelt. Polizeiabsperrungen trennten die Pro-Todesstrafe-Aktivisten von den Gegnern, ein weiteres Stück Rasen war für die Presse abgeteilt worden. Banner der American Civil Liberties Union (ACLU) schrien die Ungerechtigkeit hinaus, während die sie haltenden Menschen das feindliche Lager mit übelsten Schimpfwörtern bedachten. Es war also alles da, was eine Hinrichtung so benötigte. Niemand wurde ohne begleitende Massen in den Tod geschickt, die darum kämpften, dass ihre Meinung gehört würde.
Die junge Reporterin von Channel Two war atemlos, ihre Augen glühten vor Aufregung. Alle rechtlichen Mittel waren ausgeschöpft worden. Vor zwei Stunden hatte der Gouverneur das letzte Gnadengesuch abgelehnt. Heute Nacht, endlich, würde Richard Curtis den finalen Preis für seine Verbrechen bezahlen.
Als sie zuschaute, wanderte ihr Blick kurz zu der Wanduhr. Auf der weißen Fläche leuchteten die Ziffern: 11.59 Uhr. Eine gespenstische Stille überfiel die Menge. Es war an der Zeit.
Taylor atmete tief ein, als der Sekundenzeiger mit einem Klick auf 0.00 Uhr sprang. Ihr fiel gar nicht auf, dass sie den Atem anhielt, bis der Zeiger auf 0.01 Uhr wechselte. Das war es dann. Die Medikamente wären jetzt eingeflößt. Richard Curtis würde ruhig einschlafen, sein letzter Herzschlag ginge in die Annalen der Geschichte ein. In Taylors Augen war es ein zu friedlicher Tod. Er hätte gestreckt und gevierteilt werden müssen, seine Eingeweide hätten ihm aus dem Körper gezogen und auf seinem Bauch verbrannt werden sollen. Das hätte vielleicht für ein bisschen Gerechtigkeit gesorgt. Aber nicht diese sorgfältig abgestimmte Kombination verschiedener Medikamente, die ihn sanft in die Arme des Sensenmanns trugen.
Da, jetzt wurde es verkündet. Curtis wurde offiziell am 5. Juli um 0.06 Uhr für tot erklärt. Tot und weg.
Taylor schaltete den Fernseher aus. Vielleicht käme jetzt der Ruf zu den Waffen. Geduldig wartend legte sie den Kopf auf den Schreibtisch und dachte an ein fröhliches kleines Kind namens Martha, das Opfer einer brutalen Entführung, Vergewaltigung und eines Mordes – und gerade erst sieben Jahre alt. Es war Taylors erster Fall in als Detective bei der Mordkommission gewesen. Sie hatten Martha innerhalb von vierundzwanzig Stunden nach ihrem Verschwinden gefunden, geschunden und geschlagen auf einem sandigen Gelände in Nord Nashville. Wenige Stunden später war Richard Curtis gefasst worden. Auf dem Rücksitz seines Kombis saß Marthas Puppe. Ihre Tränen wurden an den Türgriffen gesichert. Eine lange Strähne ihrer honigblonden Haare klebte an Curtis' Stiefel. Es war ein todsicherer Fall, Taylors erster Geschmack von Erfolg, die erste Gelegenheit für sie, sich zu beweisen. Sie hatte sich gut geschlagen. Als Folge ihrer ganzen harten Arbeit war Curtis jetzt tot. Sie fühlte sich wieder vollständig.
Sieben Jahre hatte Taylor Wache gehalten, auf diesen Moment gewartet. In ihren Gedanken war Martha immer noch ein sieben Jahre altes Mädchen, das niemals erwachsen werden würde. Sie wäre jetzt vierzehn. Und endlich war Gerechtigkeit geübt worden.
Wie aus Ehrerbietung einem der ihren gegenüber, waren die Kriminellen in Nashville in dieser Nacht ungewöhnlich still, suchten sich bessere Dinge, um sich die Zeit zu vertreiben, als einander Taylor zuliebe niederzuschießen. Sie trieb zwischen Wachen und Schlafen dahin, dachte über ihr Leben nach, und war froh, als um 1.00 Uhr endlich das Telefon klingelte.
Eine tiefe, schroffe Stimme begrüßte sie. "Können wir uns sehen?", fragte er.
"Gib mir eine Stunde", erwiderte Taylor und schaute auf ihre Uhr. Sie legte auf und lächelte, das erste Mal in dieser Nacht.




